Orkan auf dem Atlantik

„Beigedreht wird bei mir nicht!“


Die „Bremen“ bestand bei schwerem Orkan auf dem Atlantik ihre Bewährungsprobe.

Die „Bremen“ hat ihre Bewährungsprobe bestanden. Das seit fünf Monaten zwischen der alten und neuen Welt fahrende Flaggschiff des Norddeutschen Lloyd hat seinen ersten Orkan ohne den geringsten Schaden für Schiff und Passagiere abgeritten. Bei haushohen Wellen und einer Windgeschwindigkeit von fast 200 Kilometerstunden auf der Hinreise nach Amerika hat die „Bremen“ gezeigt, dass sie ein stabiles Schiff ist.
Nur die 8 Zentner schwere Schiffsglocke auf dem Vorschiff wurde aus der Verankerung gerissen und zwanzig Meter weit in den Wellengraben geschleudert.

„Mein Schiff hat sich in jeder Hinsicht bewährt. Die Stabilisatoren haben verhindert. Dass alle Passagiere seekrank wurden“, gibt Kapitän Lorenz Auskunft, und er tut mit einer Handbewegung ab, dass er zweieinhalb Tage und Nächte nicht von der Brücke heruntergekommen ist.
Gesprächiger ist das Tagebuch der „Bremen“ : Am 7. Dezember Ablegen von Cherbourg, nachdem Passagiere und 10 000 Sack Post für die USA übernommen worden sind. Das Barometer fällt von 1000 Millibar auf 965 Millibar. Der erste Funkoffizier Finger nimmt in den täglichen Wettermeldungen Sturmwarnungen auf.
Danach liegt das Zentrum des Sturms bei 47,5 Grad Nord, 1,5 Grad West. Der Wind nimmt gleichmäßig auf Stärke 9 zu, die „Bremen“ reduziert ihre Fahrt von 20 auf 18 Knoten. Nachmittags setzt „voller Orkan“ ein. Das bedeutet Windstärke 12 und mehr mit rund 140 Kilometer Geschwindigkeit in der Stunde. Hier hört die offizielle Beaufortskala für die Schifffahrt praktisch auf. Dass sie-für die Luftfahrt nämlich- bis auf Stärke 17 mit Geschwindigkeiten von 201 Kilometer und mehr weitergeht, wissen nur wenige. Und in einem solchen Inferno steuert die „Bremen“ direkten Kurs auf New York. Zwar hat sie ihre Geschwindigkeit für 24 Stunden auf neun bis zehn Knoten herabgedrückt, aber „beigedreht wird bei mir nicht“, sagt Kapitän Lorenz. Obgleich über dem Vorschiff fast ständig hohe Brecher zusammenschlagen und der Gischt bis an die Brücke hochschlägt, werden nur fünf Bulleyes und drei Promenadendeckfenster eingedrückt.
Zwar gibt es, wie auf jeder Reise, Seekranke, und das rheinisch Kappenfest in der gemütlichen Taverne, tief unten im Schiff, ist nur von ganz Gefeiten und Unentwegten besucht. Aber kein Inventar, purzelt durcheinander, keinem der Fahrgäste wird ein Härchen gekrümmt. Kapitän Lorenz: Die Stabilisatoren haben ihre Daseinsberechtigung unter schwersten Bedingungen nachgewiesen. Für die unvorstellbare Wucht, der auf das Vorschiff niederprasselnden Sturzseen zeugt, das Schicksal der Schiffsglocke. Sie ist durch einen drei Zentimeter starken Bolzen in ihrer Halterung festgestellt. Dieser Bolzen brach unter dem Druck, und die 400 kiloschwere Glocke sauste wie ein Ball durch die Luft, um 20 Meter weiter beim Wellenbrecher zu landen.
Mit nur rund zehnstündiger Verspätung machte die „Bremen“ am 13. Dezember, morgens um acht Uhr, in New York fest.

Schäden durch entstandene Wellenbrecher.